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Helen Macdonald / aus: „Abendflüge“, Hanser Verlag, 2021

Aus dem Kapitel „Rettung“ (Ausschnitt S. 308-310) 

Der Wind hat sich gelegt, am Himmel über dem Haus breitet sich eine blaue Lache aus. Judith hat sieben Mauersegler in eine mit Küchenkrepp ausgekleidete Transportbox gesetzt, wo sie sich zu einem Federklumpen geballt haben. Einer hat sich hinübergelehnt, um sanft die Mantelfedern eines Nestgenossen zu putzen. Als ich ihnen zusehe, fällt mir auf, dass mir noch nie zuvor Küken mit einem solchen Kuschelbedürfnis begegnet sind. Als hätte man sie mit Magneten versehen, drücken sie sich eng aneinander, Flügel an Flügel. 

Die Fahrt zu Judiths Lieblingsort, um die Vögel freizulassen – das Kricketfeld des Dorfs –, ist kurz. Als wir ankommen, treten gerade zwei lokale Mannschaften gegeneinander an, doch nach kurzen, freundlichen Verhandlungen halten die Kricketspieler inne und sehen zu. Judith nimmt einen Mauersegler aus der Box, drückt ihm einen raschen Viel-Glück-Kuss auf den Federscheitel und reicht ihn mir. Viele Menschen denken, man müsse Mauersegler beim Freilassen hoch in die Luft werfen; das kann jedoch zu ernsthaften Verletzungen führen, wenn der Vogel noch nicht bereit ist. Die richtige Methode ist, den Vogel auf der erhobenen, ausgestreckten Hand zu halten, sich so hinzustellen, dass das Gesicht des Tiers in den Wind weist, und zu warten. In der strahlenden Luft wirkt der Mauersegler seltsam, irgendwie unirdisch, eine fragile Konstruktion aus schuppenförmig angeordneten Federn und ungelenken Flügeln. Er hat sich zusammengekauert, seine winzigen Klauen umklammern meine Finger, seine tiefen, dunklen Augen leuchten wie reflektierende Astronautenvisiere. Was er wohl sehen kann? Magnetfeldlinien, vielleicht, aufsteigende Luft und fliegende Insekten und die Andeutung von Sommergewittern. Das flache Grün unter ihm hat mit ihm rein gar nichts zu tun. Ich hebe meine Hand noch etwas höher. Jetzt kann ich nur noch warten. 

Er starrt eine Zeit lang in den Wind und beginnt dann zu zittern. Erwartungsvoll. Denke ich. Sachliche Erklärung: Der Vogel wärmt seine Brustmuskeln auf und macht sich flugbereit. Emotionale Erklärungen: gespannte Erwartung, Verwunderung, Freude, Schrecken. Die empfindlichen Fadenfedern zwischen Schwungfedern und Flankengefieder werden von der Brise gestreichelt und fühlen das erste Mal ihr Element. Nichts hat sich erkennbar verändert, doch etwas passiert, wie das Bordelektroniksystem eines Flugzeugs, das eingeschaltet wird und online geht. Blinkende Lampen, Motorcheck. Bereit. Die Analogie stimmt jedoch nicht ganz, denn ich werde gerade Zeuge, wie sich etwas in etwas Neues verwandelt. Ich hege keinerlei Zweifel, dass dies hier ebenso eine Transformation ist wie eine Libellenlarve, die aus dem Wasser krabbelt, die Larvenhülle durchbricht und als geflügeltes Wesen daraus hervorgeht. Auf meiner geöffneten Hand verwandelt sich ein Geschöpf, das bisher nur Küchenkrepp und Plastikwannen kannte, in ein ganz anderes Geschöpf, dessen Heimat fortan Tausende Meilen Luftraum sein werden. 

Dann entschließt sich der Mauersegler. Er streckt die winzige Spitze seines Schnabels nach oben, macht einen Buckel und lässt sich in einer schmerzhaften Reihe steifer, knirschender Flügelschläge von meiner flachen Hand fallen. Fünf oder sechs Sekunden lang fühlt sich alles furchtbar falsch an. Der Vogel befindet sich kaum dreißig Zentimeter über dem Boden, mein Herz rast. »Hoch! Hoch! Hoch!«, ruft Judith. Nichts ist falsch. Wir sehen nur einem Vogel beim Fliegenlernen zu. Der Mauersegler bewegt sich ruckweise fort, als lege er einen anderen Gang ein, und beginnt aufzusteigen. Höher und höher flackert er in den abendzirruswolkendurchzogenen Himmel. Sorgfältig zieht er einen Kreis über unseren Köpfen, dann steigt er sogar noch höher auf und fliegt schnurstracks nach Süden. Die Kricketspieler applaudieren. Ich sehe auf meine Handfläche hinab. Dort, wo sich der Vogel mit den Klauen festgeklammert hat, bevor er losließ, ist an meiner Daumenbeere ein kleiner Kratzer entstanden. Festgeklammert an einer Hand, die das letzte Solide sein sollte, das der Vogel in den kommenden Jahren berühren würde. 

 

Helen Macdonald / aus: „Abendflüge“, Hanser Verlag, 2021

Aus dem Kapitel „Was Tiere mich lehrten“ (Ausschnitt S. 341-348) 

Vor langer Zeit, ich war neun oder zehn, schrieb ich einen Schulaufsatz über das Thema: »Was ich einmal werden will, wenn ich groß bin«. Ich wollte Künstlerin werden und einen Otter als Haustier haben, verkündete ich, und fügte nach kurzer Überlegung noch hinzu: sofern der Otter damit glücklich ist. Als ich mein Heft zurückbekam, stand am Rand der Kommentar des Lehrers: »Aber wie kannst du wissen, ob ein Otter glücklich ist?« Ich war empört. Natürlich waren Otter glücklich, wenn sie spielten, einen kuscheligen Platz zum Schlafen hatten, auf Erkundungsreise gingen, einen Freund hatten (das wäre dann ich), in Flüssen herumschwammen und Fische fingen. Die Fische waren mein einziges Zugeständnis an die Vorstellung, dass der Otter möglicherweise andere Bedürfnisse haben könnte als ich selbst. Ich kam nie auf die Idee, vielleicht nicht zu verstehen, was ein Otter will oder sein könnte. Ich dachte, Tiere seien genau wie ich. 

Ich war ein seltsames, einzelgängerisches Kind mit einem frühen und überwältigenden Zwang, nach wilden Tieren zu suchen. Möglicherweise war dies Teil des unverarbeiteten Erlebnisses, meinen Zwillingsbruder bei der Geburt zu verlieren: ein kleines Mädchen, das nach seiner fehlenden Hälfte sucht und nicht weiß, wonach es sucht. Ich drehte Steine um, unter denen sich vielleicht Tausendfüßer und Ameisen verbargen, folgte Schmetterlingen zwischen Blumen hindurch, verbrachte viel Zeit damit, Dingen nachzujagen und sie zu fangen, und sehr viel weniger damit, darüber nachzudenken, wie es den Tieren dabei wohl ging. Ich kniete mich hin, um dem geschlossenen Käfig einer Hand einen Grashüpfer zu entnehmen, mir der Notwendigkeit, dabei sanft vorzugehen, ernsthaft bewusst, und legte die Stirn konzentriert in Falten, während ich die Einzelheiten seiner Netzflügel studierte, den heraldisch gezeichneten Vorderleib, den Hinterleib, so glänzend und so fein gearbeitet wie Schmuck. Dadurch fand ich nicht nur heraus, wie Tiere aussahen, ich testete darüber hinaus auch meine Fähigkeit, in dem gefahrenvollen Raum zwischen Schaden und Fürsorge zu navigieren; dabei ging es teilweise darum, wie viel Macht über Dinge ich wohl hatte, und teilweise darum, wie viel Macht über mich selbst ich hatte. Zu Hause hielt ich mir Insekten und Amphibien in einer wachsenden Sammlung an Aquarien und Vivarien, die überall in den Regalen und auf den Fensterbänken in meinem Kinderzimmer standen. Später gesellten sich ihnen eine verwaiste Krähe, eine verletzte Dohle, ein Dachsjunges sowie ein Nest voller Gimpelküken hinzu, die beim Baumfällen im Nachbargarten obdachlos geworden waren. Als ich mich um diese Menagerie kümmerte, lernte ich zwar viel über Tierhaltung, rückblickend jedoch muss ich sagen, dass meine Motive egoistisch gewesen waren. Wenn ich Tiere rettete, fühlte ich mich gut; war ich von ihnen umgeben, fühlte ich mich weniger allein. 

Meine Eltern akzeptierten diese Exzentrizitäten mit wundervoller Gelassenheit; sie tolerierten die auf den Arbeitsplatten in der Küche verstreuten Körner und die Hinterlassenschaften der Vögel im Flur mit unerschütterlicher Gutmütigkeit. In der Schule waren die Dinge allerdings nicht so einfach. Um einen Begriff aus der Entwicklungspsychologie zu verwenden: Soziale Kognition war nicht gerade meine Stärke. An einem Vormittag spazierte ich mitten in einem Netzballspiel vom Feld, um Vogelrufe in der Nähe zu identifizieren, und war völlig verdutzt, wie sehr das meine Mannschaft in Rage brachte. So etwas passierte ständig. Ich war einfach kein Teamplayer. Und mit Regeln hatte ich es auch nicht so. Ebenso wenig wie mit den Insiderwitzen und komplizierten Bündnissen meiner Peergroup. Deshalb überrascht es auch nicht weiter, dass ich gemobbt wurde. Um das zunehmende, nagende Gefühl des Andersseins auszugleichen, fing ich an, Tiere dazu zu benutzen, mich unsichtbar zu machen. Wenn ich nur lange genug auf Insekten starrte oder mir lange genug das Fernglas an die Augen hielt, um Wildvögel heranzuholen, wenn ich mich also lange genug auf ein Tier konzentrierte, konnte ich mich selbst zum Verschwinden bringen. Diese Methode, Zuflucht vor Schwierigkeiten zu nehmen, zieht sich wie ein roter Faden durch meine Kindheit. Ich dachte, ich sei inzwischen da rausgewachsen. Jahrzehnte später aber, nach dem Tod meines Vaters, kehrte die Angewohnheit mit aller Macht zurück. 

Da war ich dann schon etwa Mitte dreißig und seit Jahren Falknerin. Die Falknerei schult die emotionale Intelligenz auf ganz erstaunliche Weise. Durch sie lernte ich, erst nüchtern über die Konsequenzen meiner Handlungen nachzudenken, durch sie verstand ich die Wichtigkeit von positiver Verstärkung und Sanftheit im Aufbauen von Vertrauen. Genau zu wissen, wann der Vogel genug hatte, wann er lieber allein sein wollte. Doch vor allem lernte ich durch sie zu verstehen, dass das Gegenüber in einer Beziehung eine Situation völlig anders sehen konnte oder mit gutem Grund vielleicht nicht meiner Meinung war. Bei diesen Lektionen ging es um Respekt, Handlungsfähigkeit und Andersdenken, und es ist mir zwar peinlich, aber ich muss zugeben, dass ich sie erst spät auch auf den Menschen anwandte. Ich habe sie zuerst von Vögeln gelernt. Nach dem Tod meines Vaters waren sie jedoch alle vergessen. Da wollte ich etwas so Wildes und Nichtmenschliches wie ein Habicht sein. Also lebte ich mit einem. Als ich ihr – es war ein weiblicher Habicht – dabei zusah, wie sie sich immer höher in den Himmel schraubte und über den Hügeln in der Nähe meines Zuhauses jagte, identifizierte ich mich im Laufe der Zeit so sehr mit den Eigenschaften, die ich in ihr sah, dass ich meine Trauer vergaß. Ich vergaß jedoch auch, wie man ein Mensch ist, und fiel in eine tiefe Depression. Der Greifvogel stellte sich als schreckliches Vorbild für das Leben eines menschlichen Lebens heraus. Als Kind war ich davon ausgegangen, Tiere seien genau wie ich. Später dachte ich, ich könne vor mir selbst davonlaufen, indem ich so tat, als sei ich ein Tier. Beide Annahmen fußten auf demselben Irrtum. Denn die wichtigste Lektion, die Tiere mich lehrten, besteht in der Erkenntnis, wie leicht und unbewusst wir das Leben anderer als Spiegel unseres eigenen sehen. 

Tiere sind nicht auf der Welt, um uns irgendetwas beizubringen. Dennoch haben sie das immer schon getan, und das meiste dessen, was sie uns lehren, besteht in dem, was wir über uns selbst zu wissen glauben. In mittelalterlichen Bestiarien beispielsweise hatten die Tiere den Zweck, uns Lektionen hinsichtlich unserer Lebensführung zu erteilen. Ich kenne niemanden, der Pelikane heute noch als Vorbild christlicher Selbstaufopferung sieht oder die imaginären Paarungen von Schlangen und Neunaugen als allegorische Ermahnung an Ehefrauen, sich mit unliebsamen Ehemännern abzufinden. Allerdings denken wir immer noch in Begriffen des Bestiariums. Wir finden die Vorstellung faszinierend, so frei wie ein Greifvogel oder Wiesel zu sein, die innere Wildheit zu besitzen, uns zu nehmen, was wir wollen; wir lachen über Tiervideos, die unsere Sehnsucht danach wecken, das Leben genauso freudvoll zu erleben wie ein Lamm, das auf der Weide herumspringt. Eine Fotografie der letzten Wandertaube macht die Trauer um und die Angst vor unserem eigenen unvorstellbaren Aussterben fühlbar. Wir benutzen Tiere, um Aspekte unserer selbst zu verstärken und zu vergrößern, wir verwandeln sie in einfache, sichere Häfen für Dinge, die wir fühlen und oft nicht ausdrücken können. 

Niemand von uns sieht Tiere als das, was sie sind, so vollgestopft sind sie mit den Geschichten, die wir um sie ranken. Begegnen wir Tieren, begegnen wir gleichzeitig allem, was wir über sie wissen – aus vorherigen Begegnungen, aus Büchern, von Bildern, aus Gesprächen. Selbst streng wissenschaftliche Studien stellen Tieren Fragen, die unsere menschlichen Anliegen widerspiegeln. In den späten 1930er-Jahren etwa, als der holländische Verhaltensforscher Niko Tinbergen und der deutsche Verhaltensforscher Konrad Lorenz Modelle, die fliegenden Greifvögeln ähnelten, über Truthahnküken kreisen ließen, die vor Todesangst erstarrten, versuchten sie zu beweisen, dass Truthähne mit dem angeborenen Bild eines fliegenden Greifvogels im Kopf auf die Welt kommen. Spätere Forschungen deuteten jedoch darauf hin, dass junge Truthähne wahrscheinlich von anderen Truthähnen lernen, wovor sie sich fürchten müssen. Für mich scheinen die Experimente aus den 1930er- Jahren von den Ängsten eines Europas geprägt, das das erste Mal von einem Luftkrieg in großem Maßstab bedroht wurde – als verkündet wurde, »der Bomber käme immer durch«, egal wie sehr die nationalen Verteidigungsreihen auch geschlossen seien. 

Meiner Meinung nach machen allein das Wissen dieses Schnipsels Geschichte und das Wissen, dass domestizierte Truthahnküken erstarren, wenn eine greifvogelähnliche Gestalt über sie hinwegfliegt, die Tiere zu komplexeren Geschöpfen als Zuchtgeflügel oder Suppenhühner. Denn je mehr Zeit wir damit verbringen, Tiere zu studieren, sie zu beobachten und mit ihnen zu interagieren, desto mehr verändern sich die Geschichten, aus denen sie bestehen: Sie werden reicher und können nicht nur verändern, wie wir über das Tier denken, sondern auch, wer wir sind. Darüber nachzudenken, was Heimat für einen Ammenhai oder den Zugvogel Rauchschwalbe bedeuten könnte, hat meine Vorstellung von diesem Konzept erweitert; meine Vorstellung von Familie hat sich verändert, nachdem ich von den Brutsystemen der Eichelspechte gelesen hatte, bei denen mehrere Männchen und Weibchen zusammen ein Gelege großziehen. Ich meine damit nicht, dass Tiere als Vorbilder für das Leben des Menschen dienen könnten – zumindest weiß ich von niemandem, der der Meinung wäre, der Mensch solle wie ein Fisch laichen oder sich vollständig von Fliegen ernähren –, aber je mehr ich von Tieren weiß, desto mehr glaube ich, dass es nicht nur eine »richtige« Art geben könnte, Fürsorge auszudrücken, loyal zu sein, Liebe für einen bestimmten Ort zu empfinden oder sich durch die Welt zu bewegen. 

Der Versuch, sich vorzustellen, wie das Leben für ein Tier wohl sein mag, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Man kann nicht wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein, indem man die Augen zusammenkneift, so tut, als hätte man Gleitmembranen, und sich seinen Weg durch die Dunkelheit sucht, indem man in Tönen zu ihr spricht, die einem in der Gestalt der Welt antworten. Oder, wie der Philosoph Thomas Nagel es ausdrückte: Die einzige Möglichkeit zu wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein, besteht darin, eine Fledermaus zu sein. Aber das Vorstellen? Der Versuch? Die sind gut und wichtig. 

Die beiden Dinge zwingen einen dazu, über das nachzudenken, was man über das Tier nicht weiß: was es frisst, wo es lebt, wie es mit anderen kommuniziert. Das Bemühen wirft Fragen auf, bei denen es in Wirklichkeit darum geht, wie anders die Welt für eine Fledermaus sein mag, nicht nur, wie anders es ist, eine Fledermaus zu sein. Denn was ein Tier an einem bestimmten Ort braucht oder schätzt, ist nicht immer das, was wir brauchen, schätzen oder sogar wahrnehmen. Muntjaks haben das Unterholz gefressen, wo in den Wäldern in der Nähe meines Zuhauses einst Nachtigallen nisteten, und jetzt gibt es diese Vögel dort nicht mehr. Was für mein menschliches Auge ein Ort der Naturschönheit ist, mutet für eine Nachtigall wie eine Wüste an. Vielleicht ist das der Grund, warum ich immer ungeduldig werde, wenn in einem Gespräch gesagt wird, wir sollten die Natur als Ort des therapeutischen Nutzens für uns schät- zen. Es stimmt, dass ein Spaziergang im Wald gut für unsere Psyche sein kann. Doch einen Wald dieses Zwecks wegen zu schätzen, wertet ab, was Wälder wirklich sind, nämlich nicht für uns allein da. 

Seit einigen Wochen schon mache ich mir Sorgen um die Gesundheit von Familie und Freunden. Heute habe ich stundenlang auf einen Computerbildschirm gestarrt. Meine Augen tun mir weh. Mein Herz auch. Ich brauche frische Luft und setze mich auf die Stufen hinterm Haus. Ich sehe eine Saatkrähe, eine gesellige Spezies europäischer Krähen, durch die ergrauende Abendluft tief auf mein Haus zufliegen. Sofort wende ich einen Trick an, den ich mir als Kind ausgedacht habe: Ich stelle mir vor, wie sich der Druck kühlender Luft auf den Flügeln der Krähe anfühlen mag, und schon ist mir das Herz weniger schwer. Doch die tiefste Erleichterung entsteht nicht dar- aus, mir vorzustellen, fühlen zu können, was die Krähe fühlt, zu wissen, was die Krähe weiß – stattdessen schöpfe ich leise Freude aus dem Wissen, genau das nicht zu können. Dieser Tage schöpfe ich emotionalen Trost aus dem Wissen, dass Tiere nicht wie ich sind, dass es in ihrem Leben absolut nicht um uns geht. Das Haus, das sie überfliegt, hat Bedeutung für uns beide. Für mich ist es mein Zuhause; und für die Krähe? Eine Zwischenstation auf einer Reise, eine Ansammlung von Dachziegeln und Schrägen, nützlich als Hochsitz oder als etwas, auf das man im Herbst Walnüsse fallen lassen kann, damit sie aufbrechen und man das Fruchtfleisch aus ihnen picken kann. 

Aber da ist noch etwas anderes. Als die Krähe über das Haus hinwegfliegt, neigt sie den Kopf und sieht mich kurz an, bevor sie weiterfliegt. Und mit diesem Blick läuft mir ein Kribbeln auf der Haut den Rücken hinunter, mein Ortsgefühl verlagert sich, und die Welt ist plötzlich größer. Die Krähe und ich hatten kein gemeinsames Ziel, keine gemeinsame Absicht. Wir haben einander wahrgenommen, mehr nicht. Als ich die Krähe ansah und die Krähe mich ansah, wurde ich ebenso Teil ihrer Welt wie sie Teil der meinen. Unsere getrennten Leben überschnitten sich, und in diesem einen flüchtigen Moment löste sich all meine ichbezogene Angst in Luft auf, in diesem einen Augenblick, in dem ein Vogel am Himmel unterwegs nach woanders mich über die Kluft hinweg ansah und mich wieder fest in eine Welt heftete, in der wir beide den gleichen Stellenwert haben. 

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